Love Letter – Brettspielgeschichten #01

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Liebste Prinzessin… So beginnt der wichtigste Brief, den ich bislang geschrieben habe. Wie man bereits an der Eröffnung unschwer erkennen kann, ist es ein Liebesbrief. Er ist der Prinzessin von Tempest gewidmet, die ich bislang nur aus der Ferne gesehen habe und deren Vornamen ich noch nicht einmal kenne. Das mag idiotisch klingen, aber seine Gefühle sucht man sich nicht aus. Es ist einfach, wie es ist. Und es ist nun eben so, dass ich mich unsterblich in die Prinzessin verliebt habe. Ich kann, tagein, tagaus, nur noch an sie denken. Ich arbeite nicht mehr, sondern schreibe unentwegt Liebesbriefe…

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Die meisten davon zerreiße ich hinterher wieder selbst, weil sie meinen eigenen Ansprüchen nicht genügen. Aber nun ist mir, so glaube ich zumindest, ein echtes Meisterwerk gelungen. Er wird das Herz der Prinzessin regelrecht zum Schmelzen bringen!

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Wenn sie ihn denn überhaupt je zu Lesen bekommt, denn ihr Vater, der König, wacht mit Argusaugen über seine Tochter. Er will sie mit einem aufgeblasenen Schnösel aus dem benachbarten Königreich vermählen. Glücklicherweise lässt sich die Prinzessin von Macht und Reichtum nicht beeindrucken, dafür aber eben umso mehr von romantischer Prosa. Nur leider bin ich auch nicht der einzige heimliche Verehrer der holden Schönheit in diesem höfischen Intrigenspiel…

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Mit dem entscheidenden Liebesbrief in meiner Tasche breche ich auf. Ich habe mich als Priester verkleidet, denn so kann ich mich zumindest auf dem Hof bewegen, ohne sofort aufzufallen. Vielleicht habe ich ja sogar das Glück, dass sich einer meiner Konkurrenten in einem vertrauensvollen Gespräch an mich wendet und mir dabei seine dunkelsten Geheimnisse offenbart. Leider scheint das Schicksal gänzlich andere Pläne mit mir zu haben: Ich habe das königliche Hoftor noch keine drei Schritte hinter mir gelassen, als mich eine der Wächterinnen zu sich ruft.

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Sollte nun schon alles vorbei sein? Mit klopfendem Herzen trete ich der Wächterin gegenüber. Ich weiß, dass sie ihre Befehle direkt vom König erhält und jeden in Gewahrsam nimmt, der diese nicht befolgt. Aber wird sie mich in meiner Verkleidung überhaupt erkennen? Die Wächterin hält mich für den Baron. Was für ein Irrsinn! Ich atme erleichtert auf, vergewissere mich, dass ich den Liebesbrief noch immer bei mir trage und gehe kopfschüttelnd weiter.

Immerhin habe ich es nun schon einmal in den Hof geschafft und ich beginne bereits von der Hochzeitsnacht zu träumen. Wenn ich erst einmal ihr Herz erobert habe, wird auch der König einsehen, dass das Glück seiner Tochter über alles geht. Die Sache wird also ein gutes Ende nehmen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute! In meine romantischen Gedanken versunken, stolpere ich auf der steinernen Wendeltreppe, die nach oben in Richtung der gesuchten Gemächer führt, direkt dem Bruder der Prinzessin in die Arme.

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Der Prinz bedroht mich nicht mit Waffengewalt, aber er besteht darauf, dass ich mein Priestergewand ablege. Ich muss tun, was er sagt, wenn ich nicht den Rest meines Lebens im Kerker verbringen will. Schlotternd stehe ich daraufhin nur noch in Unterwäsche vor ihm, während er sich vor Lachen kringelt. Anschließend will der Prinz doch tatsächlich, dass ich mich nun als König verkleide.

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Ich kann den Wandel der Ereignisse kaum fassen! Eben war ich noch ein bescheidener Priester und nun stecke ich schon selbst in den edlen Gewändern des Königs. Diesen seltsamen Streich des Prinzen bin ich ausnahmsweise daher nur allzu gern bereit mitzuspielen!

Als König getarnt schöpfe ich sofort frischen Mut. Wer soll mich auch jetzt noch aufhalten können? Ich eile die letzten Meter bis zum Gemach der Prinzessin, ziehe meinen Liebesbrief hervor und klopfe energisch an die Tür. Mein Herz rast. Ich kann es kaum erwarten in ihr bezauberndes Gesicht zu sehen und… anstelle der Prinzessin öffnet mir die Zofe und strahlt mich mit ihrem falschen Lächeln an.

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Sie ist die letzte Person, die ich hier anzutreffen erhoffte. Dabei war ich mir so sicher, dass die Prinzessin hier sein würde! Wo in aller Welt ist sie denn dann? Ich höre mich selbst stammeln, verzweifelt nach der Prinzessin fragen, woraufhin das selbstsichere Grinsen auf dem Gesicht der Zofe nur noch breiter wird. Die Prinzessin ist erst vor wenigen Minuten mit einem der anderen Verehrer davongezogen. Sie sind ins Turmzimmer gestiegen, in welchem schon so manches Burgfräulein seine Unschuld verlor. Die Gräfin, seit der gemeinsam verbrachten Kindheit die beste Freundin der Prinzessin, hat das Treffen arrangiert.

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Ich starre die Zofe verzweifelt an. Der nutzlos gewordene Liebesbrief fällt aus meiner Hand. Mein Herz wird schwer wie Blei. Es war alles vergebens, alles umsonst!

Der letzte Funken Hoffnung schwindet, als ich mich kurz darauf mit eigenen Augen davon überzeugen kann, dass die Zofe die Wahrheit gesagt hat. Die Prinzessin hat ihr Herz an einen dieser dahergelaufenen Möchtegernromantiker verschenkt. Mir bleibt daher nichts anderes mehr übrig, als mir einen großen Stein an den Fuß zu binden und mich von der königlichen Brücke in den königlichen Fluss zu stürzen. Tempest Ade! Ich könnte allerdings auch darauf warten, bangen und hoffen, dass die Prinzessin ihren Irrtum erkennt… und die Suche nach der wahren Liebe wieder von vorne beginnt. Dummerweise habe ich meinen Liebesbrief verloren und muss selbst noch einmal zu Feder und Tinte greifen. Liebste Prinzessin…

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Unser “Love Letter” Review

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